Tango! Wie kann man diesen Rohstoff so wunderschön inszenieren - die ihm zugeschriebene Entstehung im Bordell, seine Obszönität und Sexualität. Die Frau, Verführerin oder Opfer, der Mann, Draufgänger und Messerheld. Tango, etwa auf dem Titelblatt eines Nachrichtenmagazins, zielt auf die voyeuristische Lust des Zuschauers ab und lässt - zumindest kurzzeitig - eine beträchtliche Auflagensteigerung erhoffen, seit die argentinischen Bühnenhelden die gängigen Klischees auf ihren Tanz-Tourneen so willig wie kunstvoll eingelöst haben. Tango, ein Fest der Erotik und der Passion. Tango, ein Fest auch der geheimen Peep-Shower…
Im Mai 1917 sang der legendäre Carlos Gardel den von Pascual Contursi vertexteten Tango "Mi noche triste" ("Meine traurige Nacht") auf Schallplatte: "Schickse, du bist verduftet, in der Blüte meiner Jahre.., wohl wissend, dass ich dich liebte, dass du meine Freude warst und mein heisser Traum. Für mich gibt's keinen Trost mehr, ich kipp' mir einen hinter die Binde, um deine Liebe zu vergessen." Seit jener traurigen Nacht steht der Tango an der Strassenecke in einer Vorstadt von Buenos Aires, eine schmerzliche Erfahrung raubt ihm den Schlaf. Zu seinen vorherrschenden Themen zählen "gescheiterte Liebesbeziehungen, das der Prostitution verfallene Mädchen, Verlust der Jugend und des heimischen Stadtviertels", schreibt der wohl bekannteste deutsche Teilnehmer eines internationalen Tango-Symposiums in Berlin, der Tango-Forscher und Buchautor Dieter Reichardt.
"Der Tango ist nicht fröhlich, er gaukelt kein Weltbild vor, in dem alles sein gutes Ende findet." Er leiste nicht jene "systemstabilisierende Verblödungsarbeit" deutscher Schlager ("Wir wollen immer ganz zufrieden sein und trinken Bier und Schnaps und Wein", Tony Marschall). Im Tango erfülle sich das menschliche Schicksal nie als "Aschenputtel- oder Tellerwäscher-Aufstiegsmärchen", sondern es nehme den entgegengesetzten Verlauf: bergab. Im Kontrast zu den späteren Tiefpunkten menschlicher Existenz gewinne indessen auch die Vorstadtarmut von Buenos Aires eine Aura von Geborgenheit oder mitmenschlicher Wärme.
Mit "Mi noche triste" trat im April 1918 erstmals ein Tangolied auf die Bühne. Dies markierte den Beginn einer außerordentlich fruchtbaren Partnerschaft zwischen Tango und Theater. In dem aus der "Populärkultur" entstandenen und zunächst noch an den ländlichen Raum gebundenen Theater habe der Tango viele seiner Themen gefunden, sagte Michael Roessner, Romanist und Organisator des Tango-Symposiums: so die "archetypische Geschichte von dem schönen, armen Mädchen aus der Vorstadt, das sich von den Verlockungen des Zentrums verführen lässt und dann zur Prostituierten, bestenfalls zur von reichen Männern ausgehaltenen Geliebten wird, bis es - alt und hässlich geworden – zugrunde geht". Selbst die dem Tango später eigene Sprache, das "lunfardo", eine verbreite argentinisch-uruguayische Umgangssprache, die insbesondere zur Beliebtheit des Tango in den unteren sozialen Schichten beitrug, sei in einer Zeit, da der Tango noch rein instrumental und getanzt war, schon ein wesentlicher Bestandteil des Theaters gewesen.
Mit dem Theater fanden die Tangolieder von 1918 an erstmals ein Medium der Massenkommunikation. "An den Theatertüren verkaufte man bereits die Noten und bald auch die ersten Schallplatten", führte Roessner aus. Wenige Jahre darauf kamen Radio und Film hinzu, der Tango drang in die Literatur vor und prägte die Lyrik besonders in den 30er und 40er Jahren entscheidend mit.
"Der Tango zeigt vor allem, dass es in Argentinien einen ständigen, fruchtbaren Dialog zwischen einem populären Genre und der ,hohen Literatur' gibt" - einen Dialog, der seit Astor Piazzolla und der Öffnung des Tango zur ernsten Musik hin auch in der Musik geführt wird. Jüngste Beispiele dafür sind zwar weniger Komponisten, aber emanzipierte Musiker wie der Violinist Gideon Kremer oder der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, die erfolgreich mit Tango-Interpretationen debütierten. Im modernen Tanztheater zeichnet unterdessen Pina Bausch in ihrem neuen Stück "Nur Du" einen Diskurs der Innerlichkeit nach, mit einem Tango, der die Hoffnung verkörpert, der Einsamkeit zu entfliehen.
"Im Wechselspiel von Musik, Tanz und Lied setzt der Tango den Dialog zwischen Medien und Künsten in Bewegung, die sich ineinander spiegeln, einander verführen und in Szene setzen", sagte die Literaturwissenschaftlerin - und selbst Tango-Tänzerin - Scarlett Winter. Sie zog eine klare Trennungslinie zwischen den heute in Europa und Amerika bekannten Bühnen- und Filminszenierungen, dem "Tango-for-export-Stil", der ein dramatisches, erotisches Spiel in den Mittelpunkt rückt, und dem ursprünglichen und heute auch unter Berliner Tänzern immer beliebteren "Milonguero-Stil", in dem der Schwerpunkt auf Nähe, Umarmung und einer - mit den Worten Reichardts gesprochen - "geheimen physischen Kommunikation der Partner" liegt. Die Faszination des Tangos bestehe darin, aus der Isolation in den Dialog sinnlicher Berührungen einzutreten. "Der Tango markiert den Ort neuer Begegnungen, neuer Lebensformen. Er ist ein hybrides Produkt, komponiert aus verschiedenen kulturellen Erfahrungen und Stilen."
"Es ist ihr Tanzsaal und ihr Treffpunkt, die Nacht der Farbigen", beschreibt der argentinische Schriftsteller Julio Cortazar den Tango in seiner Erzählung "Las puertas del cielo". "Woher kommen sie, welche Tätigkeiten üben sie aus, dass man sie tagsüber nicht sieht, welche obskuren Frondienste isolieren sie und halten sie im Verborgenen? Sie kommen um diese Zeit, die Monstren treten mit feierlicher Hochachtung aufeinander zu, Raum um Raum drehen sie sich langsam im Kreis, ohne zu sprechen, viele mit geschlossenen Augen, endlich die Gleichheit, die Ergänzung geniessend." In Buenos Aires. In Berlin. Im Verborgenen.
(Zuerst erschienen im Tagesspiegel 1997)
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Tango Nacht für Nacht
VON THOMAS DE PADOVA
"In meinem Leben hatte ich viele Frauen, aber niemals eine Frau." Worte aus einem Tango, trauriges Bekenntnis eines Mannes, der vergeblich im Bordell seine Einsamkeit zu überwinden suchte. Ausspruch aus einer Zeit, in der der Zustrom von Landarbeitern und Masseneinwanderungen aus Europa Buenos Aires zu einer Millionenstadt und ihre Ränder zu heterogenen Männervierteln anwachsen ließen.
Irgendwann um 1880 entstand der Tango in dieser von Fernweh, Unsicherheit und Veränderung geprägten, männerdominierten Welt. "Der Tango wurde geboren, um getanzt zu werden." Er hob die Einsamkeit für die Dauer von ein paar Takten auf und missachtete mit seiner ungehörigen Umarmung die Verbote sämtlicher bis dahin bekannten Tänze. Seine Berührung war sinnlich, erotisch, unter zahllosen Männerblicken freilich niemals gewillt, den "machismo" abzulegen.
Mehr als hundert Jahre später lebt der Tango in Buenos Aires zwar nicht mehr ausschließlich in den Außenbezirken, gleichwohl als Randerscheinung fort. Tage-, selbst nächtelang kann der Reisende durch Argentiniens Hauptstadt streifen, ohne dem Tango auch nur ein einziges Mal wirklich zu begegnen. Der Zweiviertelvierteltakt geht unter im Verkehrslärm der Metropole.
Lediglich in der Einkaufsstraße Florida und auf der nicht minder touristengeweihten Plaza Dorrego zeigt sich der Tango der Öffentlichkeit mehr oder weniger regelmäßig, in der Hoffnung auf ein paar Pesos, die mit einigen kunstvoll platzierten "ganchos" (Haken), "cortes" (Stopps) oder "barridas" (Schiebern) doch zu verdienen sein sollten. Denn als Touristenattraktion und Exportschlager ist der Tango heute wohl ungleich beliebter als zu Beginn dieses Jahrhunderts, als er nach erfolgreichem Debüt in Paris auch in Buenos Aires Teile des bürgerlichen Stadtkerns erreichte.
Wer dem Tango nicht nur zufällig auf der Straße begegnen, sondern ihn in seiner ganzen unterdessen erreichten Vielfalt kennen lernen oder ihn vielleicht sogar selbst tanzen möchte - mittlerweile ein anscheinend so beliebtes Reisevergnügen, dass auch ich zu nächtlicher Stunde bisweilen zwei, vier, sechs mir bekannte Berliner "Tangueros" bei einer der zahlreichen Tanzveranstaltungen, den "Milongas", unverhofft antraf -, wer sich also auf der Suche nach dem Tango nach Buenos Aires begibt, der sollte diese an einem Ort wie dem Cafe Tortoni beginnen.
Altes Tortoni. "Die Geschichte lebt in deinen stummen Wänden", besingt Hector Negro das Cafe-Theater an der Avenida de Mayo im Zentrum der Stadt. An den runden Marmortischen zwischen den Pilastern haben einst die Schriftsteller Jorge Luis Borges und Federico Garcia Lorca gesessen. Und aus den Holzvertäfelungen, in dezenten Goldrahmen gefasst, lächelt dem Gast die scheinbar ewigjunge Stimme des Tangos entgegen: Carlos Gardel.
Auf einem kleinen Tischchen, etwa in der Mitte des Großen Saales, liegen die Zeitschriften "Buenos Aires Tango" und "El Tangauta" aus. Bei einem Cafe con leche, der hier noch mit einem Kännchen Wasser und Gebäck serviert wird, lässt sich darin vieles nachlesen: etwa welch aktiven Part die Frau heute im Tango in Buenos bisweilen zu tanzen bestrebt sei oder welch ausdrucksschwache Figur Sally Potter dagegen als Tänzerin - und Schauspielerin - in ihrem Film "Tango Lesson" abgegeben habe. Während das Gebäck in den Kaffee und der Leser in Reflexionen und Bilder aus einer für ihn soeben noch unsichtbaren Welt eintaucht, verdichtet sich die Lektüre schnell zur Lust am Fremden, zur Teilhabe an der nostalgiegetränkten Subkultur, kurzum: zu einem ausgefüllten Tango-Wochenplan.
Es ist 10 Uhr am Vormittag. Eine höchst untänzerische Zeit, hat doch das ermüdete Parkettgeschrummel erst in der Morgendämmerung sein Ende gefunden. Doch schon zu dieser Stunde, zu der mancher Argentinier noch an seinem ersten bitteren Mate-Tee schlürft - jener tangoverwandten "argentinischen Reservelunge für Einsame und Traurige" (Cortazar) - erwacht der Tango aufs neue. In der Straße Juffre160 gehen um diese Zeit die Rollläden hoch. Dann legt Rodolfo Dinzel die erste Kassette ein: "Der Tango jenes Tages wurde meine Obzession, in ihm gab sich begierig meine Seele auf..."
Das Atelier im Hinterhof ist mit Zeitungsausschnitten tapeziert, Erinnerungen an einstige Auftritte der Dinzels. Nacheinander trudeln sie nun ein: Diana, Monica, Marcelo, Ralf, Anja. Der morgendliche Mate macht auch hier zwischen den ersten Tanzschritten seine Runde.
Bis vor wenigen Jahren galt der Tango in Buenos Aires noch als Tanz der "viejos", der Alten. Dinzels jüngste Schüler sind heute 15 oder 16 Jahre alt - und träumen mitunter bereits von einer späteren Bühnenkarriere. Einige werden auch an diesem Tag bis 22Uhr hier bleiben.
"Viele der jungen Tänzer tanzen technisch ganz ausgezeichnet", sagt Norma Gomez Tomasi, die zusammen mit Ernesto Carmona eine Tango-Tanzschule in der Straße Callao240 unterhält. "Und sie tanzen, um gesehen zu werden. Doch kein einziges der jungen Paare gefällt mir wirklich. Anders als bei Copes, Zotto, Gustavo Naveira oder unter den etwas jüngeren vielleicht noch Roberto und Vanina kann ich als Zuschauer ihre Emotionen nicht sehen. Sie bringen nicht ihre eigene Persönlichkeit in den Tango ein, sondern denken vielmehr an den Broadway und schwingen ihre Beine ganz hoch."
Ja, der Tango habe sich in den letzten Jahren sehr verändert, ähnlich wie die Stadt Buenos Aires selbst, betont Norma. "Als ich noch jünger war, kannte ich noch alle Leute in meinem Viertel, sprach mit ihnen auf dem Flur, im Hof." Das Leben und der Tango seien einem gleichmäßigen, vertrauten Rhythmus gefolgt.
Heute sei sie einsamer in der immer weiter wachsenden Stadt, sagt Norma. Auch das Leben auf der Straße sei nicht mehr das von früher. "Die Menschen laufen schneller, viel angespannter über die Straße, halten hier an, drängeln sich da vor." Dazu die Lautstärke. "Wenn Sie in der Hauptverkehrszeit an einer Kreuzung stehen, dann hat das, was Sie da hören, nichts mehr mit dem alten Tango, der Musik von Fresedo zu tun. Es ist die Musik von Astor Piazzolla."
Draußen, an der Straßenecke Callao/Corrientes, übertönt ein brummender Bus kurzzeitig die aufspielenden Dieselmotoren. Wenig später knattern zwei frisierte Mopeds vorbei, quietschen die Bremsen an der auf Rot umschaltenden Ampel. Die plötzliche Motorenstille wird umgehend von leiseren Klängen aus einem Plattengeschäft abgelöst.
Nachdem die ersten Linksabbieger, zwei, drei, vier schwarzgelbe Taxis, vorbeigerauscht sind, beginnt die Fußgängerampel auch für den Passanten an Bedeutung zu gewinnen. Die Knie ein wenig angewinkelt, bewegt sich sein rechter Fuß nach vorne und nimmt Kontakt mit dem Asphalt auf; dann verlagert sich das Gewicht langsam vom linken auf das rechte Bein, der Oberkörper folgt mit einer gewissen Verzögerung. Der erste Schritt ist getan, angespannte Bereitschaft vor dem nächsten: Tango nuevo.
Doch auch der neue Tango im hektisch-geschäftigen Buenos Aires ist in Nostalgie gebettet. Sie ergreift die Menschen hier scheinbar immer wieder. Nach nachmittäglichem Tanz im prächtigen Saal der "Confiteria Ideal", einem Singletreff vor allem für 50- bis 60jährige, wartet der Abend mit einer jener nostalgischen Alltagsszenen auf:
"San Juan und das alte Boedo und der weite Himmel und über Pompeya hinaus die Überschwemmung..." Die etwa vierzig Gäste in dem kleinen Lokal "Pan y Teatro" im Stadtviertel Boedo singen eine bekannte Tangoweise im Chor. Gonzalez Nocilo, der hin und wieder auch im Cafe Tortoni auftritt, hat soeben sein Bandoneon ausgepackt, die kleine klagende Tango-Quetschkommode.
Ein junger Kellner, der uns an der Eingangstür entgegenkommt, hält einen Moment inne und summt kaum hörbar die Verse zu jener unvergesslich traurigen Tangomusik von Anibal Troilo mit. Auch dieser etwa 30jährige Ober scheint mit dem Tangolied "Sur" seinen Gedanken über die ihm ein stückweit entfremdete Umgebung Ausdruck verleihen zu wollen: "Sehnsucht nach vergangenen Dingen, Kummer über die Stadtviertel, die sich geändert haben, und Bitterkeit über den Traum, der starb."
Wenig später erzählt Gonzalez Nocilo bei einem Glas Rotwein, wie er im April vor genau sechs Jahren zum ersten Male an dem Lokal vorbeikam, das eine Familie aus der Provinz Mendoza bewirtschaftet. "Ich sah in dem gemütlichen Raum ein Klavier stehen und dachte: Hier fehlt nur eins - der Tango." Und dann holt er stolz die Partitur eines selbst komponierten Stückes hervor, das die Geschichte von "Pan y Teatro" erzählt.
Der Tango in Buenos Aires zehrt von solchen Legenden, kleinen wie großen. Die größte ist Carlos Gardel, der den Tango über die Grenzen Argentiniens hinaus bekannt machte. Er kam am 24.Juni 1935 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, dessen nähere Umstände noch heute umstritten sind.
Für viele Argentinier ist der Sänger niemals wirklich gestorben. Er lebt weiter: in Buenos Aires, der quadratischen Metropole mit ihren endlosen Einbahnstraßen und ihrer verdächtigen Geschäftigkeit, in Lärm und Gestank, die manches Gespräch ersticken. Der Tango lebt: in unseren Tagen auch als viel bestauntes Phänomen in europäischen Großstädten. "Ich machte mich lustig über dich, weil ich dich nicht verstand, noch deinen Schmerz begriff. Ich hatte den Eindruck, dass du deinen grausamen Gesang geklaut hattest, Bandoneon. Erst jetzt versteh ich die Verzweiflung, die dich beim Spielen aufwühlt: Du bist eine Raupe, die Schmetterling sein wollte vor dem Sterben!"
(Zuerst erschienen im Tagesspiegel, Mai 1998)
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Thomas de Padova, geboren 1965 in Neuwied am Rhein, studierte in Bonn und Bologna Physik und Astronomie und war bis 2005 Wissenschaftsredakteur beim Tagesspiegel. Er ist freier Publizist und Autor mehrerer Sachbücher, "Das Weltgeheimnis" wurde 2010 in der Kategorie - Naturwissenschaft/Technik - als "Bestes Wissenschaftsbuch" des Jahres" in Österreich ausgezeichnet. Thomas de Padova lebt in Berlin.